Am Ostwall 20

Die Familie Rosenbaum aus Raesfeld lebte seit 1932 in Dorsten, wo sie an der heutigen Adresse Ostwall 20 ein Viehhandelsgeschäft betrieben. Ihre Kunden waren Landwirte aus der Umgebung, aber vor allem das Dorstener Krankenhaus. Der Vater Moses Rosenbaum, genannt Max, Träger des Eisernen Kreuzes für Tapferkeit im Ersten Weltkrieg, starb 1935 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Dorsten beigesetzt. Grabstein und Grab verschwanden während des Dritten Reiches.
Während der Nazizeit war die Familie zwar nicht direkten Anfeindungen ausgesetzt, aber die versteckte und subtile Ausgrenzung zermürbte. „Es ist doch kein Leben mehr für euch!“ Diese warnende Feststellung mussten sich die Rosenbaums oft von den Bauern anhören, die noch mit ihnen Geschäfte machten. Manche Kunden, die trotz der Bedrohungen durch die Nazis mit ihnen Kontakt hatten, kamen nur nachts, um nicht gesehen zu werden. Später blieben sie dann ganz aus. „Wir lebten sehr zurückgezogen und fielen nicht weiter auf.“, erinnerte sich die Mutter Frieda Rosenbaum später.

Nachdem einer der Brüder, Ernst Rosenbaum, 1935 in Osnabrück einen Anschlag auf ein jüdisches Geschäft miterleben musste, sagte er zu seiner Familie: „Von da an war mir klar, dass wir in Deutschland nicht mehr bleiben konnten. Die Brüder emigrierten 1937 nach Holland, wo sie Verwandtschaft in Winterswijk hatten, und ließen ein Jahr später ihre Mutter nachkommen. Die Brüder hatten aus Holland einen Wagen geschickt. Verwandte aus Gelsenkirchen halfen beim Einpacken. Bevor Frau Rosenbaum auswandern konnte, musste sie noch zum Finanzamt Gladbeck und nachweisen, dass sie keine Schulden hatte. Erst dann konnte ihr die Ausreiseerlaubnis erteilt werden.
Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht musste sich die Familie verstecken. „Ein paar Monate verbrachten wir in einem Waldstück unter Sträuchern und Bäumen in einer ausgehobenen Grube. Freunde brachten uns Lebensmittel und warme Decken“, erinnert sich der überlebende Bruder Ernst Rosenbaum.

1942 fand die Familie ein ständiges Versteck bei einem Bauern in der Nähe von Varsseveld. Unter dem Dach der Scheune mussten bis zu acht Personen ständig mit der Entdeckung und Deportation rechnen. Durch eine Luke wurde ihnen das Essen gereicht. Die Situation war gefährlich, denn zeitweise war im Haupthaus des Bauernhofes die Schreibstube einer deutschen Militäreinheit untergebracht. Das hinter dem Haus befindliche Toilettenhäuschen wurde sowohl von der Familie der Bauern wie von den deutschen Soldaten benutzt. Erst in der Nacht konnten dann die jüdischen Flüchtlinge das Häuschen besuchen. Als dies schließlich zu gefährlich wurde, bekamen sie einen Eimer auf den Dachboden gestellt.
Unter diesen menschenunwürdigen Verhältnissen verbrachten die Rosenbaums zweieinhalb Jahre auf dem Dachboden. Aus der Mitte der deutschen Gesellschaft ausgegrenzt und vertrieben, war ihre Welt nun die Enge zwischen Balken und Stroh, zwischen Toiletteneimer und Essensluke. Betreut wurden die Flüchtlinge von der holländischen Untergrundbewegung. Manchmal mussten die Rosenbaums den Platz mit Säcken voller Munition teilen, die von Mitgliedern der holländischen Widerstandsbewegung dort versteckt wurden.

Warum sich Walter Rosenbaum als einziger der Familie den deutschen Besatzungsbehörden stellte, bleibt bis heute leider unklar.
Er wurde in Holland im Lager Westerbork interniert und am 16.10.1942 nach Auschwitz deportiert.
Am 20.03.1943 wurde er im Alter von 35 Jahren ein Opfer der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie.
Die überlebenden Brüder Ernst und Max sowie die Mutter blieben nach dem Krieg in Holland. Nach Deutschland wollten sie voll tiefer Verbitterung nie mehr zurück. „Ich kann nicht alle aufzählen, die ermordet wurden“, sagte sie einmal. Inzwischen sind alle verstorben.
Dass die Verletzungen der Vergangenheit überwunden werden können, zeigt das Beispiel von
Paul Spiegel, dem Namensgeber unserer Schule. Er hat sich vor allem als Präsident des
Zentralrates der Juden in Deutschland für Ausgleich und Integration eingesetzt und dabei immer deutlich gemacht: „Es geht um die Zukunft jedes einzelnen Menschen in diesem Land.“

Wir haben mit unserer Klasse der Handelsschule diese Patenschaft übernommen, um Verantwortung zu zeigen, damit eine Ausgrenzung von Minderheiten in unserer Gesellschaft nicht wieder passieren kann.

Paten:
Klasse HSU 1 (2007/08, Handelsschule), Paul-Spiegel-Berufskolleg Dorsten mit ihrem Lehrer  Martin Fleckenstein