Wiesen Str. 14 / 16

Die Familie Metzger besteht aus den beiden Elternteilen, sechs Kindern und einem Enkelkind.
Julius Metzger, geboren 1873 in Heiden und Sara Lebenstein, geboren in Reken 1868, sind die Eltern. Die Kinder sind Albert (*1902), Max (*1903), Carola (*1905), Walter (*1907), Ernst (*1912) und Erna *(???).
Drei Kinder sind ausgewandert, bevor die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, nämlich Albert nach Israel, Carola nach Argentinien und Erna nach USA.

Ernst, Max und Walter Metzger wurden zusammen mit ihren Eltern, Max’  Frau Mathilde und deren Tochter Judis 1942 nach Riga deportiert, Julius und Sara, Walter, Mathilde und die kleine Judis wurden ermordet, aber Max und Ernst überlebten mehrere Konzentrationslager. 1945 verließen beide Deutschland und wanderten in die USA aus. 1983 besuchte Ernst Dorsten, gemeinsam mit seiner Frau, einer Jüdin aus Ungarn.

Wir erinnern an   J u d i s   M e t z g e r

Sie war drei, höchstens vier Jahre alt, als am Samstagmorgen, dem 23. Januar 1942 etwas Schreckliches geschah:  Sie musste miterleben, wie sie und ihre Familie gezwungen wurden, binnen einer halben Stunde das Haus zu verlassen.  Im Lastwagen wurden sie nach Gelsenkirchen gebracht und von dort aus in Viehwagen nach Riga transportiert. Dort bekamen sie fast nichts zu essen, und in dem blutüberströmten Ghetto mussten sie jetzt leben. Kurz vor ihrer Ankunft waren dort tausende Juden umgebracht worden.
Nach und nach wurden die Alten, Kranken und Kinder nach Auschwitz gebracht. Doch die erste Kontrolle überlebte Judis, aber bei der zweiten Kontrolle wurde sie mitgenommen und das mutterseelenallein, von ihrer Familie getrennt. Sie wurde nur fünf Jahre alt.

Wir erinnern an Judis Mutter:   M a t h i l d e   M e t z g e r

Als die Familie am 23. Januar 1942 von der Gestapo hier aus dem Haus getrieben wurde, durften sie nach langen Bitten noch 30 Min. packen. Sie durften mitnehmen, was sie tragen konnten. Mathilde trug ihr Kind im Gipsbett weinend aus dem Haus. Sie kamen in einen Anhänger, wo schon andere Juden saßen. Man brachte sie nach Gelsenkirchen, dort wurden alle in der Rundhalle auf dem Wildenbruchplatz gesammelt. Dabei gab es schon eine Tote zu beklagen, sie beging Selbstmord.  Am 26. Januar um drei Uhr morgens wurden die Juden im Güterbahnhof verladen, der Transport fasste ungefähr 1000 Juden aus der Umgebung. Bei minus 30 Grad ohne Wasser und Essen fuhren sie im elendigen Zustand nach Riga. Doch sie überstanden es noch gut, nur ihr Schwiegervater hatte Erfrierungen an den Füßen.
In Riga prügelte man sie aus dem Waggon und die Juden, die nicht mehr konnten, wurden erschossen. Nach der langen Reise folgte ein schmerzhafter 30 minütiger Marsch ins Ghetto. Dort trafen sie weitere Verwandte.
Vor ihrer Ankunft hatte die SS die 40.000 lettischen Juden in zwei Tagen auf 4.000 reduziert, um Platz für die neuen zu haben. Überall war noch das Blut der Getöteten und die Dorstener Juden ahnten, was auch ihnen bevorstand.  Zunächst mussten sie in SS- und Wehrmachtsbetrieben arbeiten – auch die Frauen. Schnee schippen war an der Tagesordnung. Manche holten sich dabei starke Erfrierungen. Die jüdischen Leute im Ghetto waren gezwungen, Sachen, die sie in den Häusern gefunden hatten, gegen Brot einzutauschen um nicht zu verhungern, obwohl darauf die Todesstrafe stand.  Zudem wurden bei Nacht Frauen vergewaltigt und ihre Kleidung wurde gestohlen.
Ende 1943 befahl Himmler alle Ghettos aufzulösen. Am 2. November trieb man sie auf den Appellplatz, wo Kinder und Alte „aussortiert“ wurden. Mathilde konnte beim 1. Mal ihr Kind noch retten, doch dann holten sie de kleine Judis doch. Mathilde wurde kurz danach von ihrer noch verbliebenen Familie getrennt und in das KZ Stutthof bei Danzig gebracht. Danach verliert sich ihre Spur, wir wissen nicht, ob sie in Stutthof oder Ausschwitz ermordet wurde.

Wir erinnern an Judis Großvater:   J u l i u s   M e t z g e r

Julius Metzger ist am 16.10.1873 in Heiden geboren. Er heiratete Sara Lebenstein und hatte mit ihr 6 Kinder (4 Jungs, 2 Mädchen). Sie lebten in der Lippestraße 58, später am Hochstadenwall. Am 23.1.1942 wurde er mit seiner Frau, seinen Kindern und seiner Enkelin aus dem „Judenhaus“ in der Wiesenstraße 24 (jetzt 14) gejagt. Sie wurden nach Riga deportiert.

Magdalene Schuhmacher war als Kind eine Augenzeugin der Deportation. Sie erinnert sich: „Der alte Julius Metzger, ein sehr würdiger Herr, legte alle seine Orden an, die er im ersten Weltkrieg erhalten hatten, und man merkte es ihm an, wie sehr er unter der Demütigung litt. Bis 1933 war er Mitglied im Dorstener Artillerieverein.“

Nach knapp 2 Jahren, am 2.1.1943, wurden Julius und Sara Metzger von Riga Aus abtransportiert. Sie fuhren in den Tod.

Wir erinnern an Judis Großmutter:    S a r a h   L e b e n s t e i n  (Metzger)

Sara Lebenstein, geboren in Reken 1868 hat den Viehhändler Julius Metzger geheiratet.
Am 23. Januar 1942 drang die SS in ihr Haus ein um  sie abzutransportieren. Der Überfall kam sehr plötzlich, so dass Sara in ihrer Not schrie, weinte und klagte. Sie schrie so laut, dass man sie in der ganzen Straße hören konnte: „Wenn es einen Herrgott gibt, dann sollen alle meine Kinder auf der Stelle tot umfallen!“
Sie wurde ins Ghetto nach Riga gebracht. Dort ist sie vermutlich getötet worden, wie viele andere Familienmitglieder, ihr Mann Julius, ihr Sohn Walter Metzger, ihre Schwiegertochter Mathilde Metzger und Judis, ihre Enkelin.

Wir erinnern an Judis Onkel:   W a l t e r   M e t z g e r

Walter Metzger wurde 1907 geboren und wurde wohl nur 33 bis 35 Jahre alt. Mit den anderen Familienmitgliedern wurde er an diesem kalten Samstagmorgen im Januar 1942 in einen Lastwagen verfrachtet, in dem schon die Juden aus Wulfen und Lembeck saßen. Nun kann Walter erst einmal in Gelsenkirchen an, wo auch alle anderen Juden aus der Umgebung hingebracht wurden.
Einige Tage später, am 26. Januar morgens, wurden sie zum Güterbahnhof gebracht um dort verladen zu werden. Damals waren sie noch ca. 1000 Juden. Von nun an fuhren sie einige Tage ins Ungewisse und das war im wahrsten Sinne des Wortes ein Höllentrip, bei 20 bis 30 Grad minus und in ungeheizten Waggons.
Walters Familie überstand den Transport in das Ghetto in Riga. Aber der Anblick, der sich ihnen dort bot, hätte grausamer nicht sein können:  Es wurden Menschen verbrannt, erschossen, aufgespießt und es wurden Kinder als fliegende Zielscheiben verwendet.
Jetzt wurden sie in die Häuser der eben getöteten lettischen Juden gebracht. Dort stand das Essen noch warm, ein Zeichen, dass der Tod schnell, plötzlich und unerwartet kam. Auch sie lebten jetzt in ständiger Angst.
Die Spur von Walter Metzger verliert sich in Riga, er wurde nicht mehr erwähnt, aber es ist wahrscheinlich, dass er das Ghetto nicht mehr verließ. Auch er ist eines der vielen Opfer der Konzentrationslager und des Nationalsozialismus.

Paten:
Gesamtschule Wulfen, Klasse 9.2,  Schuljahr 2005/2006, Klassenlehrerin Silke Wedekind.